Wie kann Kirche Menschen erreichen, die kaum Berührungspunkte mit ihr haben? Wie gelingt Seelsorge dort, wo Menschen leben und arbeiten? Antworten auf diese Fragen suchte der Synodalvorstand des Evangelischen Dekanats Worms-Wonnegau bei einer mehrtägigen Fortbildungsreise nach Hamburg. Dort besuchte das Leitungsgremium kirchliche Projekte, die mit kreativen Konzepten und großem persönlichem Engagement neue Wege gehen.
„Wir wollten bewusst über den eigenen Tellerrand schauen und uns inspirieren lassen“, sagt Dekanin Jutta Herbert. „Viele Gemeinden stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Deshalb lohnt sich der Blick auf Projekte, die Menschen auf ungewöhnliche Weise erreichen.“
Seemannsmission: Kirche als Ort der Gastfreundschaft
Besonders nachhaltig beeindruckte die Delegation der Besuch des Seemannsclubs „Duckdalben“ der Deutschen Seemannsmission. Seit über 30 Jahren bietet die Einrichtung Seeleuten aus aller Welt einen Ort, an dem sie für einige Stunden den oft harten Arbeitsalltag hinter sich lassen können. Die Mitarbeitenden holen die Seeleute mit eigenen Fahrzeugen direkt von ihren Schiffen ab. Im Club können sie mit ihren Familien telefonieren, das Internet nutzen, Geld überweisen, einkaufen, sich beraten lassen oder einfach zur Ruhe kommen. Ehren- und Hauptamtliche haben Zeit für Gespräche und begleiten Menschen unabhängig von Nationalität oder Religion. Ein sichtbares Zeichen dieser Offenheit ist der Gebetsraum des Hauses. Dort wurden verschiedene Bereiche eingerichtet, damit Angehörige unterschiedlicher Religionen ihren Glauben leben können.
„Hier holt Diakonie die Menschen tatsächlich ab – im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Dekanatspräses Alexander Ebert. „Es geht nicht darum, Menschen für die Kirche zu gewinnen, sondern ihnen mit Respekt und Menschlichkeit zu begegnen. Das hat uns tief beeindruckt.“
Kirche im Wohnzimmer
Dass auch Gottesdienste neue Formen annehmen können, erlebte die Gruppe in der Christianskirche in Hamburg-Ottensen. Siebenmal im Jahr verwandelt sich der Kirchenraum dort in eine „Wohnzimmerkirche“. Sofas, Sessel und Stehlampen ersetzen die gewohnte Bestuhlung. Musik, persönliche Gespräche, gemeinsames Essen und eine offene Atmosphäre laden Menschen ein, Glauben ohne Berührungsängste zu erleben. Im Austausch mit Pastor Matthias Lemme wurde deutlich, dass das Konzept nicht auf Unterhaltung setzt, sondern auf echte Begegnung. Viele Besucherinnen und Besucher nehmen lange Anfahrtswege aus dem gesamten Hamburger Stadtgebiet in Kauf, um an den besonderen Gottesdiensten teilzunehmen.
Für die Mitglieder des Synodalvorstandes war dies ein ermutigendes Beispiel dafür, wie Kirche ihre Botschaft vermitteln kann, ohne ihre Wurzeln zu verlieren.
Mit der Barkasse zur Seelsorge
Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch der Flussschifferkirche im Hamburger Hafen – der einzigen Kirche Deutschlands auf einem Schiff. Von dort aus sind die Seelsorgenden mit einer Barkasse unterwegs und besuchen Binnenschiffer direkt an ihren Liegeplätzen.
Viele Besatzungen verbringen Tage oder sogar Wochen im Hafen und können ihre Schiffe aufgrund abgelegener Liegeplätze oder der Gezeiten kaum verlassen. Die Schifferseelsorge bringt deshalb Hilfe, Gespräche und praktische Unterstützung direkt zu ihnen – oft entstehen intensive Begegnungen von Reling zu Reling.
„Hier geht Kirche wirklich hinaus zu den Menschen“, sagt Dekanin Herbert. „Dieses Selbstverständnis hat uns an vielen Stationen der Reise begegnet. Nicht warten, bis jemand kommt, sondern den ersten Schritt machen – das ist ein Auftrag, den wir mit nach Hause nehmen.“ Den Abschluss der Reise bildete eine Andacht, die Herbert in der Flussschifferkirche für die Mitglieder des Synodalvorstandes hielt.
Inspiration für die Arbeit im Dekanat
Mit vielen Ideen und neuen Perspektiven kehrte der Synodalvorstand nach Worms zurück. Die Teilnehmenden waren sich einig: Wo Kirche den Menschen aufmerksam zuhört, ihre Lebenswirklichkeit ernst nimmt und praktische Hilfe mit Seelsorge verbindet, bleibt sie auch in einer sich wandelnden Gesellschaft relevant. Die Reise habe gezeigt, dass der Kern kirchlicher Arbeit – Nähe zu den Menschen, gelebte Nächstenliebe und die Verkündigung des Evangeliums – unverändert aktuell ist.