683 Mal gepredigt – und immer nah bei den Menschen

veröffentlicht 26.03.2026, Dekanat Worms-Wonnegau

Nach über 30 Jahren als Prädikantin verabschiedet sich Rosemarie Lemke aus dem aktiven Dienst

Wenn Rosemarie Lemke auf ihre Zeit als Prädikantin zurückblickt, denkt sie nicht zuerst an Zahlen – auch wenn 683 Gottesdienste eine beeindruckende Bilanz sind. Es sind die Begegnungen, die bleiben: Gespräche nach dem Gottesdienst, vertraute Gesichter in den Gemeinden und das Gefühl, gebraucht zu werden. Nach über 30 Jahren im ehrenamtlichen Dienst verabschiedet sich die 86-Jährige nun aus der aktiven Verkündigung.

Seit 1992 predigte Lemke in Gemeinden im gesamten Dekanat – insgesamt 29 Kirchengemeinden. Besonders gerne erinnert sie sich an Einsätze in Leiselheim und in der Wormser Matthäusgemeinde: „Dort war ich oft und kannte die Menschen gut. Wir kamen uns näher – ich habe mich da sehr wohlgefühlt.“ Doch auch die Gottesdienste in ihrer Heimatgemeinde, der Lutherkirche, waren ihr wichtig – wenn auch mit besonderer Spannung verbunden: „Da war ich immer aufgeregter, weil ich die Besucher kannte.“

Ihre Motivation beschreibt Lemke schlicht: der Kontakt zu den Menschen. Dazu kam die Freude an der inhaltlichen Arbeit. Für jede Predigt zog sie sich in ihr Arbeitszimmer zurück, vertiefte sich in biblische Texte, rang um Worte und Deutungen. Dass ihre Predigten berührten, zeigte sich auch daran, dass Gemeindemitglieder sie immer wieder baten, diese schriftlich zu bekommen – eine Bitte, der sie gerne nachkam. Auch Pfarrerinnen und Pfarrer wussten ihre Verlässlichkeit zu schätzen und fragten sie persönlich an, wenn Unterstützung gebraucht wurde.

Trotz aller Routine, die sich Lemke im Laufe der Jahre erarbeitet hatte – Improvisation gehörte dazu: einmal blieb der Organist wegen der Zeitumstellung aus, ein anderes Mal waren im Winter die Glocken eingefroren. „Da muss man dann eben flexibel sein“, sagt Lemke mit einem Lächeln – und man ahnt, dass ihr genau das immer gelungen ist. Unvergessen ist ihr auch ein Gottesdienst, in dem sie eine ganze Familie taufte – „vom Baby bis zum Opa“.

Dass sie mit solchen Situationen gelassen umgehen konnte, hat auch mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu tun. Mit 15 Jahren floh sie mit ihrer Familie aus der damaligen DDR – kurz nachdem sie sich bewusst gegen die staatlich geförderte Jugendweihe und für die Konfirmation entschieden hatte. Über Stationen in Esslingen und Wiesbaden führte ihr Weg nach Mainz, wo sie eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin absolvierte. Eigentlich hätte sie lieber Medizin studiert, doch die Anerkennung ihrer Schulabschlüsse stand dem im Weg.

In Mainz lernte sie in der Evangelischen Studierendengemeinde ihren späteren Mann kennen, der Theologie studierte. Gemeinsam zog das Paar später nach Essen, Oberhausen und Waldlaubersheim, bevor die Familie 1970 nach Worms kam. Dort engagierte sich Rosemarie Lemke zunächst viele Jahre im Kirchenvorstand der Luthergemeinde und vertrat das Dekanat zwölf Jahre lang in der Landessynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Erst danach entschied sie sich, noch einmal „etwas anderes“ zu machen – und absolvierte die Ausbildung zur Prädikantin. Dass sie dabei keinen Talar trug, empfand sie immer als Vorteil: „Die Leute sollen ruhig sehen, dass ich Laie bin.“

Eigentlich hatte Lemke sich vorgenommen, so lange weiterzumachen, „bis ich mit dem Rollator zum Altar gehe“. Doch nun zwingen sie private Gründe, dieses Ehrenamt aufzugeben. Eine Entscheidung, die sie selbst getroffen hat – und die doch schwerfällt.

Auch im Dekanat wird ihr Abschied mit Bedauern aufgenommen. Dekanin Jutta Herbert findet klare Worte: „Menschen wie Rosemarie Lemke sind die Säulen unserer Kirche.“

Was bleibt, sind unzählige Begegnungen, gelebter Glaube und die Erinnerung an eine Frau, die mit Überzeugung und großem Engagement Kirche mitgestaltet hat – über viele Jahre hinweg, Gottesdienst für Gottesdienst.